Am 16. Oktober 2025 hat die Europäische Kommission die Defence Readiness Roadmap 2030 vorgestellt. Sie enthält Ziele und Meilensteine, um bis 2030 die Verteidigungsfähigkeit der Europäischen Union zu erreichen, und dient der Erreichung übergeordneter Zielvorgaben aus dem Weißbuch zur europäischen Verteidigung – Bereitschaft 2030 („White Paper for European Defence – Readiness 2030“).
I. Ziele der Roadmap
Die Hauptziele der Defence Readiness Roadmap 2030 zur Herstellung der Verteidigungsfähigkeit der EU im Sinne des White Paper for European Defence – Readiness 2030 sind klar definiert:
- Schließung von Fähigkeitslücken: EU-Mitgliedstaaten sollen über sogenannte Capability Coalitions bis 2030 gemeinsam ihre Fähigkeitsdefizite beseitigen, u.a. durch verstärkte gemeinsame Beschaffung im Verteidigungsbereich (Ziel: 35% gemeinsamer Beschaffungsanteil).
- Stärkung der europäischen Verteidigungsindustrie: Produktionskapazitäten sollen substanziell gesteigert, Lieferzeiten für kritische Rüstungsgüter signifikant verkürzt und Innovationen gefördert und umfassend genutzt werden.
- Integration der Ukraine: Die ukrainische Verteidigungsindustrie soll ganzheitlich in die europäische eingebunden und ihre Innovationen für die gesamte EU nutzbar gemacht werden.
II. Zentrale Projekte („Flagships“)
Im Mittelpunkt der Roadmap stehen die folgenden zentralen Projekte („Flagships“), an denen sich die Mitgliedstaaten beteiligen können:
- Eastern Flank Watch und European Drone Defence Initiative: Aufbau einer umfassenden europäischen Grenzverteidigung entlang der östlichen Außengrenze durch ein modernes Mehrbereichs-Überwachungssystem, Drohnen- und Drohnenabwehrkapazitäten, Luftverteidigung, Küstenschutz und elektronische Aufklärung. All dies in enger Zusammenarbeit mit der NATO und ergänzend zu regionalen Plänen für die territoriale Verteidigung.
- European Air Shield: Schaffung eines EU-Luftverteidigungsschildes für den gesamten Luft- und Raketenabwehrbereich, vollständig interoperabel mit NATO-Systemen.
- European Space Shield: Aufbau und Schutz eines umfassenden europäischen Systems von Weltraumkapazitäten für Verteidigungszwecke, das auf den Weltraumsystemen der EU und den bestehenden nationalen Kapazitäten aufbaut.
Die Flagships geben Aufschluss darüber, in welchen Bereichen die Europäische Kommission anstrebt, Fähigkeitslücken zu schließen und die Verteidigungsindustrie zu stärken und somit staatliche Beschaffungsmaßnahmen vermehrt zu erwarten sind. Besonders im Bereich Drohnen und Drohnenabwehr, Luft‑ und Raketenabwehr und Raumfahrt ist mit der Zunahme aus Unternehmenssicht lukrativer Beschaffungen zu rechnen.
Dabei bestehen die Chancen auf entsprechende Aufträge nicht bloß für Unternehmen der herkömmlichen Verteidigungsindustrie. Sie gelten auch für Unternehmen im Zulieferer- bzw. Dual Use-Bereich (beispielsweise Cyber/AI, Halbleiter, Robotik, Sensorik, autonome Systeme, Automotive, Bau).
III. Marktchancen insbesondere für Start-ups, Scale-ups und KMU
Über die inhaltliche Ausrichtung der Roadmap hinaus lassen sich Chancen für Unternehmen auch aus dem Ziel der Roadmap ableiten, Fähigkeitslücken zu schließen und die Verteidigungsindustrie zu stärken. Hieraus erwachsen besonders für sog. "New Defence"-Akteure, d.h. Start-ups, Scale-ups und technologieorientierte KMU, Chancen zur Marktetablierung.
So sollen Fähigkeitslücken geschlossen und die Verteidigungsindustrie gestärkt werden, indem diese "New Defence"-Akteure besseren Zugang zu europäischen Förderinstrumenten, Innovationsprojekten und Beschaffungsstrukturen erhalten.
Die Innovationsfähigkeit soll vorangetrieben werden, indem einerseits Anreize für private und öffentliche Investitionen im Verteidigungsbereich geschaffen werden. Die EU will bis zum ersten Quartal 2026 zusammen mit der Europäischen Investitionsbank/dem Europäischen Investitionsfond einen Fonds mit einem Volumen von bis zu 1 Mrd. EUR zur Unterstützung des schnellen Wachstums und Markteintritts von Scale-ups, Start-ups und KMU schaffen. Bis zum dritten Quartal 2028 sollen die Finanzmittel aus SAFE (sehen Sie hierzu unsere Veröffentlichung) zu mindestens 50 % ausgezahlt worden sein.
Neben finanzieller Förderung soll die Innovationskraft andererseits auch Zusammenarbeit im Forschungsbereich vorangetrieben werden. So hat die Europäische Kommission spezielle „Tech Alliances for Defence“ wie die EUDIS Tech Alliances eingerichtet, die technologische Vorreiter, Start-ups und Unternehmen mit militärischen Anwendern und Bedarfsträgern aus den Mitgliedstaaten zusammenbringen. Ziel ist, entscheidende Fähigkeitslücken durch innovative technologische Ansätze zu schließen. Durch diese Allianzen soll der Austausch von Know-how beschleunigt und der Weg neuer Technologien in die militärische Praxis geebnet werden.
IV. Fazit
Die Defence Readiness Roadmap 2030 eröffnet Unternehmen – und insbesondere Start-ups, Scale-ups und KMU – erhebliche Chancen im europäischen Verteidigungsmarkt. Die geplanten Instrumente adressieren den Innovationsbedarf und erleichtern die Marktbeteiligung. Langfristig profitieren aber nur die Unternehmen, die sich in dem Umfeld intensivierten Wettbewerbs behaupten können. Eine Wettbewerbssteigerung kommt der Erreichung der genannten Roadmap-Ziele uneingeschränkt zugute.

